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    ÜBER DEN UMGANG MIT LEID.

     

    Wir wollen die Bedingungen unseres Lebens immer weiter verbessern.

    Wenn wir Menschen unser Leben genau anschauen, dann sehen wir, dass wir sehr viel Zeit darauf verwenden, die Bedingungen unseres Lebens zu verändern. Wir wollen die Art und Weise, wie wir leben, ständig verbessern. Wir kaufen ein komfortableres Auto, einen schnelleren Computer, ein mit allen Raffinessen ausgestattetes Handy, einen größeren Flachbildfernseher, der uns interessantere Filme zeigen soll. Wir legen uns neue Kleidung zu, die schicker aussieht, bequemer zu tragen ist, einfacher zu waschen und zu pflegen ist. Wir kaufen Lebensmittel ein, die gesünder und feiner im Geschmack sind, wir wollen in Wohnungen mit mehr Platz und Behaglichkeit leben und vieles mehr.

     

    Doch sind wir auch dabei, unser Seelenleben weiter zu vervollkommnen?

    Doch all dieses heißt noch lange nicht, dass wir uns auch in unserem Innenleben, im Seelischen entwickeln und verbessern: in der Art und Weise, wie wir denken und fühlen, wie wir auf bestimmte Impulse reagieren, welche Worte wir in unserer Kommunikation mit anderen Menschen benutzen, wie wir uns in unserem Alltagsleben verhalten und geben. Oder dass wir mehr lächeln und uns am Tag öfters freuen, dass wir mehr Humor besitzen und, zusammen mit anderen, häufiger über uns lachen können oder dass wir das Leben spielerischer, leichter, lockerer nehmen können.


    Achtsamkeit ist Ausdruck einer inneren, geistigen Entwicklung.

    Der Beginn einer inneren, geistigen Entwicklung unseres Bewusstseins setzt am eigenen Leben an. Der Anfangspunkt besteht darin, das eigene Leben genau zu beobachten und anzuschauen. So könnten wir zum Beispiel die eigenen Sinnesgeräusche beobachten. Das sind all die Stellen in unserem Leben, wo es für uns laut wird – oft zu laut wird, wo ein Krachen und ein Knistern entsteht. Das sind Stellen und Orte in uns, die leidempfindlich sind, die weh tun, wenn wir mit ihnen in Kontakt kommen.


    Echte Achtsamkeit auf die schmerzhaften und dunklen Bereiche unseres Lebens eröffnet uns neue Wege, um aus dem Leid auszusteigen.

    Diese schmerzempfindlichen Stellen im Körperlichen wie auch auf einer mehr seelischen, geistigen Ebene teilen wir mit allen Lebewesen, mit den anderen Menschen und mit allen Tieren. Sie bilden eine gemeinsame Basis und diese Basis kann für uns alle bedeutsam sein. Diese Erfahrung der schmerzempfindlichen Winkel und dunklen Flecken in unserem Leben ist etwas ganz Schlichtes, Praktisches, etwas Einfaches und Simples, nichts Aufgebauschtes. Diese Gemeinsamkeiten im Leben der Lebewesen sind konkret erfahrbar für uns, wir brauchen keine große Ausbildung, um diese Sinnesgeräusche zu erfahren und bewusst zu erleben. Die Lehren über Meditation und Kontemplation geben uns geistige Werkzeuge zum Gebrauch, die uns Wege eröffnen, aus dem Leid im Leben auszusteigen. Die Lösung, um das Leid in unserem Leben zu überwinden, besteht im dauerhaften achtsamen und bewussten Beobachten unseres eigenen Lebens und der Art und Weise, wie wir es gestalten und ausdrücken. Leidvolle Erfahrungen treten in allen Lebensbereichen auf, die wir mit den fünf Sinnen wahrnehmen sowie im Bereich des Denkens und aller mentalen Prozesse. Dieses Leid zu erkennen und zu überwinden, bedarf eines genauen Hinschauens und eines achtsamen Beobachtens.


    Klares Beobachten und unterscheidendes Wahrnehmen münden ein in ein von Weisheit und Klugheit erfülltes Leben.

    Jemand sagte einmal: „Wer wissen will, muss lernen. Wer Weisheit erlangen will, muss genau beobachten“. Diese beiden Modi, - Wissen und Weisheit -, die unser Leben auszeichnen, sind keine Gegensätze für die Meditation. Auch derjenige, der sich einem kontemplativen Leben widmet, braucht Wissen. Aber dieses Wissen stellt sich dem Beobachten und dem Erforschen zur Verfügung. All das Wissen, zu dem wir in der Lage sind, schärft und verbessert unsere Fertigkeiten zur Beobachtung der Dinge des Lebens. Wollen wir denn ein Leben führen, das von Weisheit und Klugheit gespeist wird, brauchen wir ein geistiges Handwerkszeug. Der Ausgangspunkt hierzu liegt in der Fähigkeit zur klaren, sich mehr und mehr vertiefenden Beobachtung und der erkennenden und unterscheidenden Wahrnehmung. In dieser Befähigung liegt der Schlüssel zu einem Leben in Achtsamkeit, Würde und Weisheit. Um einen solchen Weg zu gehen, der zu diesen drei Früchten führen kann, geht es darum, drei Kräfte zu entwickeln und zu entfalten:


    Drei Kräfte gilt es zu entwickeln:

    1. Umfassende Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

    2. Wir schauen mutig in die eigene Schmerzempfindlichkeit hinein.

    3. Das Aufzeigen der Schmerzempfindlichkeit für andere.


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    Zu 1: Wer Verantwortlichkeit für sein Leben übernehmen will, lässt alle billigen Ausreden und Ausflüchte fallen, sondern fühlt sich wirklich zuständig für die eigenen Belange und Handlungen. Ein solcher Mensch schiebt die Verantwortung für sein Handeln nicht auf andere ab, sondern weiß, er ist selbst für sein Schicksal verantwortlich. Um diese Verantwortlichkeit übernehmen zu können, braucht es bestimmte Bedingungen. Eine der grundsätzlichen Voraussetzungen hierfür besteht darin, dass wir ein ethisches Leben führen.

     

    Ethisches Verhalten bereitet den Boden, auf dem die Saat eines achtsamen und weisen Lebens gedeihen kann.

    Die Richtlinien der Ethik bieten einerseits die Grundlagen für ein gutes, förderliches und unverfälschtes Leben, aber anderseits legen sie den Boden, dass wir mittels Meditation und Kontemplation überhaupt beobachten und wirklich tief schauen können. Sie verhelfen uns zu einer inneren, geistigen Stille, aus der heraus wir genau sehen und empfinden können, was um uns herum und in uns abläuft. Ein Leben ohne ethische Prinzipien und Werte lässt diese zur Erkenntnis befähigende Stille in uns nicht zu. Hier schieben sich immer wieder das eigene Fehlverhalten und die eigenen Verstöße vor die innere Stille, so dass Unruhe und mangelnde Achtsamkeit genaues Beobachten und Wahrnehmen des augenblicklichen, inneren Geschehens verhindern. Ethik ist aber andererseits nicht etwas, das wir uns quasi von außen überstülpen, sondern aus tiefem, innerem Verständnis über die Nützlichkeit und den Wert der Ethik leben wir in Übereinstimmung mit ethischen Normen und Notwendigkeiten

     

    Letztendlich Befreiung von Leid ist im alleinigen Einhalten von ethischen Prinzipien noch nicht zu finden.

    Gleichzeitig begreifen wir aber auch, dass eine wirkliche Befreiung vom Leid nicht einfach durch das bloße Einhalten von ethischen Vorschriften und Grundsätzen geschieht, sondern dass Leben nach ethischen Richtlinien die Schmerzempfindlichkeit der menschlichen Existenz nur lindert und die Bedingungen unseres Lebens verbessert. Letztendliche Befreiung ist im alleinigen Einhalten ethischer Prinzipien wie den zehn Geboten oder der fünf buddhistischen Regeln nicht zu finden. Das reicht alleine für sich nicht aus. Bloße Ethik ohne Erkenntnis und weises Durchdringen der individuellen Lebenswirklichkeit führt nicht zur wirksamen Auflösung von Leid, Angst und innerer Not.


    Es gilt auch, die Kostbarkeit des menschlichen Lebens zu erkennen und wertzuschätzen.

    Eine andere Art der Voraussetzung, um Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, besteht in dem Wertschätzen der Kostbarkeiten und Reichtümer des menschlichen Lebens. Allein die mentale Befähigung zu erkennen, welch wichtigen Stellenwert Meditation und Kontemplation im geistigen Leben einnimmt, gehört zu dieser Wertschätzung des menschlichen Lebens. Diese und andere innere, geistige Haltungen sind Notwendigkeiten, um überhaupt an der Entwicklung und Entfaltung von Weisheit und an der Befreiung von Leid arbeiten zu können.

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    Das stärkste Hindernis auf dem Weg zur Leidensauflösung ist die Schmerzempfindlichkeit, die uns immer wieder ablenkt.

    Zu 2: Die Schmerzempfindlichkeit unseres Lebens ist das Hauptproblem, das sich dem Weg der Leidensauflösung entgegenstellt. Irgendwie ist es für nicht wenige Menschen alltäglich, dort wo es im Leben weh tut, wo Reibungen vorhanden sind, wo Funken fliegen und es nicht so glatt läuft, nicht genau hinschauen zu wollen und lieber den Blick davon weg auf anderes zu richten. Da werden Gewissensbisse verdrängt, Fehlverhalten wird weggeschoben und bei inneren Bitternissen wird tapfer weggeguckt, da werden Gefühle und emotionale, innere Haltungen abgespalten und durch Ersatzstrategien ersetzt. Da schaut der Alkoholiker z.B. nicht seine Suchtstruktur an, sondern redet sich heraus, indem er andere verantwortlich macht, sie hätten ihn zum Alkohol trinken verführt. Oder individuelle Leidenserfahrungen, vermittelt durch einen Angehörigen einer bestimmten Gruppe, werden generalisiert und unterstellt, alle Mitglieder dieser Gruppe zeigen ein verwerfliches Verhalten. So werden Gruppen stigmatisiert und verurteilt. Die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts hat dies in grauenvoller und schrecklicher Weise abgebildet. Doch diese Arten und Weisen, mit dem individuellen und kollektiven Leben und seinen Schwierigkeiten umzugehen, führen nicht wirklich zu Befriedigung und zur Lösung von Leid.


    Wir brauchen den klaren Blick in all das, was weh tut und schmerzt.

    Es braucht den direkten Blick in alles, was im Leben weh tut und schmerzt. An diesem Punkt braucht es eine innere Änderung in uns, so dass wir nicht mehr kneifen und wegschauen, sondern immer wieder bewusst hinschauen. In Meditation und Kontemplation haben wir die heilbringende Chance, uns dem zu stellen, was in uns spannt und klemmt, was weh tut und dem wir durch billige Ausreden entfliehen wollen. Hinschauen und stand halten ist angesagt, solange, bis wir einen neuen Weg sehen, in gänzlich anderer, in heilsamerer Weise mit den Schmerzempfindlichkeiten in uns umzugehen. Achtsam meditieren - in einem Bild gesprochen - bedeutet, einen Topf Wasser auf eine heiße Kochplatte zu stellen und nicht wieder wegzunehmen, bis das Wasser auch wirklich sprudelt und wallt, weil die Hitze der Herdplatte so heftig auf das Wasser einwirkt. Und so kocht und wallt es ebenso in uns, in unserer innerlichen Schmerzempfindlichkeit, wenn wir beim Meditieren nicht wegschauen, sondern dabei bleiben. Wir bleiben mit dem inneren Blick an diesem Thema dran und durchdringen es so lange, wie die innere Hitze sich nicht von selbst abschwächt und weniger wird.

    Tiefe, innere Stille eröffnet einen neuen Weg, der uns aus dem Leid herausführen kann.

    Diese meditativ erzeugte Hitze in uns wird dann innerlich wieder angenehmer, wenn eine neue Sichtweise, eine neue Art sich auftut, sich selbst zu sehen, das eigene Leben zu begreifen, ein neuer Weg sich zeigt, wie wir leben und wie wir uns in einer konkreten Situation verhalten könnten. Dieser sich anbahnende, unbeanspruchte Weg, dieses frische, ungebrauchte Verständnis einer Situation entsteht durch die echte Erfahrung von tiefer, innerer Stille. Innere Stille ist der Katalysator, der den Umschwung bringt. Sie durchwirkt und durchwebt umfassend alles Körperliche in uns, den gesamten Gefühlsbereich und das Seelische sowie alle mentalen Prozesse im Geistigen des Menschen. In diesem Geschehen steigt eine bisher noch nicht erlebte Weise des Erkennens auf, die Altes und Schmerzhaftes in uns in ungewohnter Weise versteht und beurteilt, so dass infolge eine neuartige Sichtweise heranreifen kann.

    Die Wandlung in unserer Wahrnehmung lässt Altes und hart Gewordenes weich und durchlässig werden, so dass es nach und nach sich auflösen kann.

    Das, was bisher als Sinnesgeräusch schmerzempfindlich, laut und geräuschvoll war, wird nach und nach stiller, ruhiger und weicht einer neuen Bewertung, deren Blick auf das Ganze aus einer anderen Richtung erfolgt. Der Mensch braucht nicht mehr den laut dröhnenden und so manches Mal auch ohrenbetäubenden Lärm in sich zu unterdrücken und abzuspalten, sondern ist an diesem Punkt frei geworden. Ungehindert kann ein solcher Mensch mit einer neuen Perspektive nach innen empfinden und sich mentaler Bilder und Prozesse wie auch emotionaler Gefühle gewahr werden als auch nach außen schauen und Situationen und Menschen in neuer Weise betrachten. An dieser Stelle im Fluss unseres Lebens hat sich ein Wandlungsprozess vollzogen. Die Art und Weise, wie wir Leid erfahren und bewerten, hat sich verändert. Das, was als dicht und intensiv, als hart und fest erlebt wurde, wird porös und durchlässig, wird weich und weit. Erfahrenes Leid ist im Begriff sich aufzulösen oder ist vielleicht schon als Ganzes dahingeschwunden. Unser Leben verändert sich, Freude kehrt zurück, Leben ist wieder lebenswert.

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    Die Erfahrung eigenen Leids eröffnet uns ein Leben aus einem mitfühlenden Herzen heraus.

    Zu 3: Sind wir wirklich durch einen solchen Prozess hindurch gegangen, bei dem wir in echtem Kontakt mit unserer Leidempfindlichkeit gekommen sind und zugleich gelernt haben, diese auch wieder so loszulassen, dass Schmerz und Leid durch eine tiefgreifende Wandlung unser Denk- und Sichtweisen, unserer Atemmuster und Handlungsweisen überwunden werden, dann entsteht ein nicht aushaltbares Bedürfnis, anderen zu helfen. Nämlich denen zu helfen, die noch nicht erkannt haben, wie wichtig es ist, verantwortlich und verbindlich das eigene Leben zu führen. Denjenigen zur Hand zu gehen, die noch nicht sehen, wie ethische Prinzipien eigenes und fremdes Leben schützen und bewahren. Anderen helfen zu erkennen, wie reich Leben sein kann und welche geistigen Möglichkeiten und spirituellen Potentiale Leben bietet. Wiederum andere an der Erkenntnis teilhaben lassen, dass es nicht ausschließlich nur um materielles Wohlbefinden und erstklassigen Wohlstand sowie um ausschließlich angenehme Lebenserfahrungen geht. Weiterhin viele von denen zu ermutigen, die sich nicht trauen, in Kontakt mit der eigenen Schmerz- und Leidempfindlichkeit zu kommen, um sie in einem ersten Schritt zu durchschauen und in einem weiteren, ideenreichen und originellen Schritt hinter sich zu lassen.

     

    Wir fangen an, uns auch dem Leid des anderen zu öffnen.

    Haben wir bisher uns eher um uns selbst gekümmert, um die eigene Not und den eigenen Kummer, geht es in diesem dritten Punkt um das Aufzeigen der Schmerzempfindlichkeit für andere. Da wir gewisse mentalen Einengungen und geistige Verkrampfungen sowie all deren Auswirkungen körperlicher und seelischer Art in uns durchgearbeitet und einigermaßen leidlich oder vollkommen überwunden haben, wird in uns die Kraft des Erbarmens und des Mitfühlens mit dem Leid und dem Kummer der anderen langsam wach. Sobald wir selbst ein gutes Stück weit von innerer Dunkelheit und einem törichten Blind-sein, das in Illusionen und Hirngespinsten gefangen ist, geheilt worden sind, fangen wir an, die Bitternis, den Gram und die Qual im Leben der anderen zu sehen und können deren Situation achtsam und wirksam nachempfinden.

    Mitgefühl bringt uns dazu, uns aktiv für andere einzusetzen.

    Früher hatten wir vor Angst sowie Mangel an Zutrauen und Mut nicht in unsere eigene Verletzlichkeit hineingeschaut. Jetzt zeigt uns die sich mehr und mehr entwickelnde, mitfühlende Intelligenz und kreative, zupackende Kraft innerer Klarheit neue Wege auf, wie wir uns dem Leid unserer Artgenossen zuwenden können. Mitgefühl entkräftet Angst. Mit offenem Herzen und einem weiten Geist, d.h. ohne Angst nehmen wir die Leidempfindlichkeit der anderen um uns herum wahr. Was lässt sie und uns leiden? - Woher kommt unser aller Leiden? - Was ist verantwortlich, dass wir Menschen immer wieder Leid und Schmerzen aller Art erfahren? - Lässt sich Leid, Kummer und seelischer Schmerz wirklich auflösen? - Was ist der Weg hierzu? - Fragen, auf die wir eine Antwort suchen und die uns bewegen, die uns zur Aktivität drängen.

     

    Das setzt voraus, dass wir frei bleiben von Projektionen und Hirngespinsten.

    Wichtig bei all diesen Fragestellungen, mit denen wir sowohl in den eigenen als auch in den Schmerz der anderen hineinschauen, ist, dass wir selbst frei bleiben von Projektionen oder besser gesagt, dass wir frei bleiben von inneren, eigenen Hirngespinsten, durch die wir unsere eigene Empfindlichkeit und Sensibilität auf den anderen übertragen würden oder auch die Lebenssituation eines anderen oder von uns selbst nicht wirklich sehen könnten. Auch geht es nicht um ein überhebliches Missionieren und stolzes Aufzeigen von einem Standpunkt des Besserwissens und eines arroganten Über-der-Sache-stehen. Das alles sind Hemmungen und Hindernisse für ein genaues Beobachten und Erforschen, da wir nicht wirklich offen sind. Das wäre auch kein aufrechtes Mitfühlen und wäre auch kein wirkliches, echtes Verstehen des anderen. Es geht um etwas anderes.

    Was ist wirkliches Mitgefühl?

    Mitfühlen bedeutet anteilnehmen und sich einfühlen, es hat etwas mit dulden und entgegenkommen zu tun. Mitgefühl basiert auf Rücksicht und Wohlwollen, es beinhaltet Verstehen und Verständnis, es bringt eine gewisse Herzlichkeit und Wärme in eine schwierige Situation und auch in bestimmten Fällen ist Beileid und Mitleid dabei. Barmherzigkeit und Mitgefühl treffen sich letztendlich in einem. Wirkliches Mitfühlen mit einem von Leid betroffenen Menschen bringt eine außergewöhnliche, geistige Kraft auf, die erst mal die beschwerliche Situation eines Menschen tragen kann – was oftmals ein gewisses Maß an Mitleiden bedeutet - und dann mittels Intelligenz und Kreativität dessen Situation umwandeln und verändern kann. In der Geschichte der Menschheit gab und gibt es außergewöhnliche Menschen, deren Mitgefühl große Wirkungen hervorgerufen hat: Gautamo Buddha, Jesus Christus, der heilige Franziskus, Mutter Theresa, Papst Johannes der XXIII. und viele mehr.

     

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    Mitgefühl ist als göttliche, geistige Kraft schon immer im Geist eines Menschen vorhanden.

    Mitgefühl kann aber letztendlich nicht erzeugt und gemacht werden, sondern ist - wie alle göttlichen Qualitäten oder wie all die Qualitäten, die den Geist von Leid befreien – schon immer im Geist eines Menschen vorhanden. Mitgefühl kann als diese göttliche, geistige Kraft auch nicht zerstört werden. Sie kann verdeckt, verschmutzt und nicht mehr sichtbar oder fühlbar sein, aber sie ist immer vorhanden, wenn auch nicht sichtbar oder für einen selbst oder andere nicht wahrnehmbar. Alles was erzeugt und gemacht wird, vergeht auch wieder und ist vergänglich. Wäre Mitgefühl erzeugt und damit vergänglich, könnte es auch nicht eine der göttlichen Qualitäten oder eine der grundlegenden Aspekte der Natur unseres Geistes sein.

     

    Achtsames Meditieren und Kontemplieren lässt unsere Fähigkeiten, mit leidenden Menschen mitzufühlen in ungeahnter Weise anwachsen.

    Damit wir Menschen mitfühlend handeln, braucht es ein tiefes Erkennen und Wahrnehmen. Wir brauchen die Fähigkeit, genau hinzusehen, genau zu beobachten und zu entdecken. Letztendlich geht es um Achtsamkeit und Meditation. Dort, wo wir durch Meditation mehr und mehr gründlich hinzusehen imstande sind, dort entsteht auch ein tiefes Mitfühlen. Durch Meditation und Kontemplation entwickeln wir ein Schauen, wobei nicht ein Subjekt auf ein Objekt schaut, sondern Geist schaut auf Geist, Subjekt erkennt sich selbst als Subjekt. Hier ist kein willentliches Machen und Erzeugen, sondern ein von Dualität und Zwiespalt freies Schauen.

     

    Dieses achtsame Schauen und mitfühlende Verstehen ist frei von jedweder Projektion.

    Dieses Schauen ist ein ganz anderes Sehen als das gewöhnliche und alltägliche Sehen, das von Bewerten und Verurteilen verschmutzt ist. Dort, wo keine Projektion sowie keine Phantasiegebilde und Trugbilder vorhanden sind, dort geschieht ein schlichtes und doch sehr klares Schauen, das versteht und Anteil nimmt, das duldet und annimmt, das sich erbarmen kann und mit Herz und Wärme beim anderen und bei sich bleibt. Eigentlich ist alles so einfach und ungekünstelt, denn das Wahre ist einfach, nicht verschachtelt und kompliziert.

     

    Verantwortung für das eigene Tun, das Hinschauen in den Schmerz und in die dunkle Seite des Lebens sowie eine mitfühlende Haltung dem Leiden gegenüber eröffnen uns konstruktive Wege, mit eigenem und fremden Leid umzugehen.

    Verantwortung im Leben, das tiefgründige Hinschauen in den Schmerz, der sich in Gedanke und im Gefühl zeigt und ein hohes Maß an Empfindsamkeit, das sich als Erbarmen und als Mitgefühl zu zeigen vermag, öffnet uns neue Wege, wie wir mit Leid umgehen können. Das verhindert natürlich nicht Krankheiten und Unglücke, Verkehrsunfälle und Katastrophen. Die wird es weiterhin geben. Doch die Art und Weise, wie wir mit diesen Schwierigkeiten umgehen, die das Leben bietet, wird sich nach und nach verändern. Der Schmerz mag dabei nicht verschwinden. Leben wird weiterhin schmerzen. Doch etwas kommt hinzu, was vordem vielleicht nicht vorhanden war. Wir sind anders in der Welt: freier, unkomplizierter, einfacher, schlichter. Man könnte sagen: weiser! Und diese weise Art zu sehen und zu handeln, verändert alles.

    Klaus Eitel

    © 2012

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